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Dr. Julian Hanebeck

Anglistik

Telefon: 0202 439-2089
Fax: 0202 439-3683
E-Mail: hanebeck{at}uni-wuppertal.de

 

Titel und Abstract des Dissertationsprojektes

“Impossible Narration: Metalepsis and the Hermeneutical Experience in Tristram Shandy”
Betreuer: Prof. Dr. Roy Sommer (Wuppertal)

Im Zentrum der projektierten Dissertation steht die detaillierte Untersuchung metaleptischer Transgressionen in Laurence Sternes Roman Tristram Shandy (1759-1766). Unter ‚Metalepse’ (der Begriff ist abgeleitet von dem rhetorischen Terminus métalepse) versteht die strukturalistische Erzähltheorie (Narratologie) die Überschreitung einer darstellungslogischen Grenze in fiktionalen Erzähltexten. Diese darstellungslogische Grenze trennt die Ebene der Darstellung (erzählerische Vermittlung, discourse) von der Ebene des Dargestellten (erzählte Welt, story): Die Figuren eines Romans, so die Prämisse der narratologischen Konzeption literarischer Kommunikation, wissen nicht, dass von ihnen erzählt wird. Die Welt erzählerischer Vermittlung und erzählte Welt sind prinzipiell von einander getrennt.

Das Problem, mit dem sich die Narratologie seit ihren Anfängen in den 1960er Jahren konfrontiert sieht, besteht nun darin, dass es immer wieder Erzähltexte gibt (und dies nicht erst in der Postmoderne), die sich dieser hierarchischen Unterscheidung strikt voneinander getrennter Ebenen widersetzen, die Grenzen spielerisch überschreiten und ihre präzise theoretische Differenzierung damit fragwürdig erscheinen lassen. So spricht denn auch der französische Erzähltheoretiker Gérard Genette, der den Begriff Metalepsie in seinem Standardwerk „Discours du récit“ (Figures III, 1972) in die Diskussion eingeführt hat, nur sehr vage von einer „beweglichen, aber heiligen Grenze zwischen zwei Welten: zwischen der, in der man erzählt, und der von der erzählt wird“ (Genette 1994, 168f.).

Es ist die zentrale Arbeitshypothese der geplanten Dissertation, dass Metalepsen sich einer eindeutigen, einseitig vom Text ausgehenden strukturalistischen Definition und Klassifizierung entziehen. Sie können vielmehr immer nur interpretative Möglichkeiten innerhalb des hermeneutischen Rezeptionsvorgangs sein, welcher das als Metalepse beschreibbare Phänomen überhaupt erst hervorbringt.

Ein zentrales Forschungsdesiderat sowohl innerhalb der narratologischen Theoriebildung als auch im Rahmen der Forschung zu Laurence Sterne besteht also in der kritischen Untersuchung des hermeneutischen Vorgangs, die die Metalepse generiert. Eine solche Untersuchung hat folgende wesentliche Aspekte: (a) Die Analyse der hermeneutischen und epistemologischen Vorraussetzungen klassischer Narratologie und postklassischer Narratologien vor dem Hintergrund einer (b) Genealogie von historischen Rezeptionshaltungen gegenüber Tristram Shandy; dann (c) eine eingehende Analyse der interpretativen Möglichkeiten (und ihrer Vorbedingungen), die in der hermeneutischen Situation entstehen, unter Einbeziehung der narratologischen Analysekategorie Metalepse in den Verstehensprozess. Es ist, wie bereits erwähnt, die zentrale Arbeitshypothese, dass die Metalepse, die per definitionem ihre eigene Vorraussetzung in Frage stellt, immer nur den Charakter einer hermeneutischen Erfahrung haben kann; einer Erfahrung, die der Konzeption der Metalepse als rein formaler, ahistorischer, essentialistischer und stabiler (Bedeutungs-) Struktur widerspricht.

Des Weiteren soll die metaleptische Transgression als Strategie ‚unmöglichen’ Erzählens auf ihre Effekte hin untersucht werden. Die Analyse solcher Effekte in der projektierten Arbeit wird die folgenden drei Schwerpunkte haben: (a) Die Unkontrollierbarkeit des Temporalen mit besonderer Berücksichtigung des Problems der Simultaneität von Erzählzeit und erzählter Zeit, (b) die Frage nach den (Un-)Möglichkeiten von (sprachlicher) Repräsentation sowie (c) die Darstellung des Verstehensprozess als durch die metaleptische Transgression bestimmte ästhetische Erfahrung.

Die Arbeit zielt also darauf ab, das Wirkungspotential der Metalepse in seiner gesamten Breite darzustellen. Aufgrund der in der Forschung immer wieder konstatierten Sonderstellung von Sterne in der englischen Literatur (Tristram Shandy antizipiert wesentlich spätere, häufig als typisch postmodern etikettierte Formen der ironischen, spielerischen Selbstreflexivität im Roman) soll, ausgehend von diesem Roman, ein paradigmatischer Rahmen für die Analyse und Diskussion von Metalepsen im Roman insgesamt erarbeitet werden.

Durch die literaturgeschichtliche Perspektivierung treten die Aporien systematischer, synchron angelegter Theoriebildung deutlich hervor. Die projektierte Dissertation sieht daher die Möglichkeit und Notwendigkeit, einen Beitrag zur grundsätzlichen Revision der Bedingungen und Möglichkeiten zeitgemäßer, d.h. historisch ausgerichteter und hermeneutisch fundierter, Narratologie zu leisten. Leitfragen, auf die eine solche Neukonzeption Antworten finden muss, sind etwa: Welche epistemologischen und hermeneutischen Vorbedingungen ermöglichen narratologische Analysekategorien? Inwiefern werden solche Kategorien und ihre notwendigen Vorraussetzungen in der Anwendung fragwürdig? Und wie kann die Komplexität der Anwendung dieser Analysekategorie in der hermeneutischen Situation verortet werden, die die Intentionalität des Autors, den Text, die kognitiven Leistungen des Lesers sowie die traditionellen Arten und Weisen der Textrezeption einschließt?

 

Vortragstätigkeit

 

„Narratology and Hermeneutics: the Dialectic of Belonging and Distanciation“, International Conference on Narrative, 26. – 30. Juni, Manchester.

„‘Look At Your Own Mind to See Whether it Is Like that or Not: Metaleptic Transgressions in the Bardo Thodol“, Postclassical Narratology. Cultural, Historical, and Cognitive Aspects of Narrative Theory, 4. Wuppertaler Graduiertenforum Narratologie, 23. – 25. Juni 2013, Wuppertal.

„Metaleptic Mimesis: The Presence of the Represented“, International Conference on Narrative, 15.  – 17. März, Las Vegas.

„Die Aporien des Jetzt und der ‚unzeitliche Raum der Erzählung als Text‘: Eine Simultaneität von Zeiten in Tristram Shandy“, Zeit(en) erzählen: Narrative Verfahren – komplexe Konfigurationen, 2. Wuppertaler Graduiertenforum Narratologie, 8. – 10. Juli 2011, Wuppertal.

„Metaleptic Identities in Angela Carter’s Fiction“, International Conference on Narrative, 15. – 17. April 2011, Washington.

„Die Negativität der hermeneutischen Erfahrung: Metaleptische Brüche in Laurence Sternes Roman Tristram Shandy (1759 – 1766)“, Gadamer’s Influence on the Humanities, 27. – 30. August 2010, Leiden.

„Der Roman der Freiheit: Laurence Sternes Tristram Shandy“, Philosophisches Café, 10. Mai 2010, Wuppertal.

 

         

Publikationen

 

„Die Aporien des Jetzt und der ‚unzeitliche Raum der Erzählung als Text‘: Eine Simultaneität von Zeiten in Tristram Shandy.Zeit(en) erzählen: Narrative Verfahren – komplexe Konfigurationen. Hrsg. Antonius Weixler und Lukas Werner. Berlin: De Gruyter, erscheint 2014.

„‚Mapping sounds and images onto worlds‘: Die magisch-realistische storyworld im Film.“ Erzählen mit Bild und Ton. Hrsg. Andreas Blödorn und Sandra Heinen. Berlin: de Gruyter, erscheint 2014. (mit Maria Leopold)

„Lernberatung in der Studieneingangsphase: Das Kleingruppenkonzept der Bergischen Universität Wuppertal am Beispiel des Faches Anglistik/Amerikanistik.“ Zeitschrift für Beratung und Studium, 3 (2013): 82-86. (mit Daniela Maas)

„Der ontologische Rahmen von (Re-)Medialisierungen: Metaleptische Echos in Mark Z. Danielewskis House of Leaves.“ Medialisierung des Erzählens im englischsprachigen Roman der Gegenwart. Hrsg. Ansgar Nünning und Jan Rupp. Trier: WVT, 2011. 203 – 217.

„A Polyphony of Voices: Free Indirect Discourse, Focalization, and Embedded Narrative in James Joyce’s ‚The Dead‘.“ Literatur in Wissenschaft und Unterricht, 37:2 (2006): 117-132.

 

 “A Polyphony of Voices: Free Indirect Discourse, Focalization and Embedded Narrative in James Joyce’s ‘The Dead.’” Literatur in Wissenschaft und Unterricht 37, ii (2004): 117-33.

           

Sonstige wissenschaftliche Aktivitäten/Mitgliedschaften

In Bearbeitung