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Tagungsbericht zur Konferenz „6th International Congress of Qualitative Inquiry“, 26.-29.5. 2010, Urbana-Champaign/ Illinois, USA

 

von Antonia Schmid

 

Über "Political Methodology" wurde auf der Podiumsdiskussion debattiert

 

Vom 26. bis 29. Mai brachte die internationale und interdisziplinäre Tagung „6th International Congress of Qualitative Inquiry“ an der University of Illinois ein breites Spektrum qualitativer Forschungsansätze zusammen: Von kunstgeschichtlichen und soziologischen bis hin zu ethnologischen und politikwissenschaftlichen Beiträgen war in über 1000 Vorträgen die ganze Diversität aktueller qualitativer Sozialforschung vertreten.

Der Mittwoch wurde zwar als Anreisetag vor allem zum Kennenlernen der Örtlichkeiten genutzt, aber beim „Opening Midwest BBQ“ am Abend konnte ich schon einige KollegInnen aus der deutschsprachigen Sektion kennenlernen. Am Donnerstag fanden dann die Workshops statt. Ich war für „Performing the Spectacle“ beim Kunsthistoriker Charles Garoian eingetragen. Diese Gelegenheit, sich mit dem Arbeitsstil im angloamerikanischen Raum vertraut zu machen, war sehr eindrücklich. Trotz der sommerlichen Hitze verging der Tag wie im Flug damit, den Konstruktionscharakter und die Performativität von Kultur gemeinsam – mit einer Gruppe von etwa zehn Teilnehmenden aus aller Welt  – zu erforschen.

Am Freitag begann dann das eigentliche Tagungsprogramm und damit die Schwierigkeit, sich im Überangebot zu entscheiden, welche Vorträge man besuchen wollte. Der Vormittag war allerdings schon mit „unserer“ deutsch–österreichischen Sektion, allerdings auf Englisch, belegt: „Spotlight: Qualitative Approaches, Intervention, and Critique“ hieß das Panel, an dessen Ende mein eigener Vortrag stattfand, der auf positive Resonanz stieß. In der anschließenden Diskussion bekam ich hilfreiche Hinweise, die oft die Grenzen der jeweiligen nationalen Perspektive offenlegten und überschritten – eine spannende Erfahrung, die durch den gesamten Tagungsablauf hindurch als „Kontinuität der Brüche“ beschreibbar ist. Aufgrund der über 200 Panels, auf die sich die Vorträge verteilten, war das Publikum auch später mit jeweils fünfzehn bis vierzig Zuhörenden angenehm überschaubar, so dass überall intensive Diskussionen in Gang kamen.

Zuerst hatte ich vor allem Präsentationen ausgesucht, die thematisch nah an meiner eigenen Arbeit verortet zu sein schienen. Nun entschied ich mich am Nachmittag, auch einmal „über den Tellerrand“ zu schauen und ein Panel zu Autoethnografie zu besuchen. Ich war positiv überrascht von der Produktivität dieser Methode, die jene qualitativer Forschung oft angelastete Subjektivität mit überraschender Wirkung reflexiv nutzt. Wider Erwarten konnte ich an einige Vorträge inhaltlich anknüpfen und lernte einige Kolleginnen kennen, an deren Arbeit meine eigene durchaus anschließen kann. Am Abend wurde im Rahmen des Kongresses eine autoethnografisch inspirierte Performance aufgeführt, die an Formate des Jazz angelehnt die persönliche Familiengeschichte der Vortragenden mit sozialstrukturellen Erkenntnissen verwob. Hier wurde Wissenschaft zur Kunst und Interdisziplinarität erfahrbar. Ein schöner Ausklang des Tages!

Der Samstag wurde nach ähnlich interessanten Panels mit einer Podiumsdiskussion „On Political Methodology“ beschlossen, und der Stand qualitativer Forschung in der Wissenschaftslandschaft reflektiert. Besonders aufschlussreich war hier, dass sich die wissenschaftspolitischen Trends transkontinental kaum unterscheiden.


Insgesamt war die „amerikanische“ bzw. „internationale Erfahrung“ des Kongresses sehr hilfreich: nicht nur als Einblick, was und wie außerhalb Europas gerade qualitativ geforscht wird, sondern auch, weil die Welt nun für alle Beteiligten wieder, im positiven Sinn, ein Stück kleiner geworden ist: Neben produktiven Anregungen sind auch die internationalen persönlichen Kontakte ein bleibendes Mitbringsel nach Wuppertal.

 

Herzlichen Dank an das ZGS für die Förderung der Tagungsreise!

 

 

Ms. Schmid vor der "Illini Union", dem Hauptgebäude der Konferenz