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"Joint Conference - Konzept gegen Eurozentrismus in den IB?"

Kongressbericht zur ISA/ABRI Joint Conference, 22.-24. Juli 2009, Rio de Janeiro (Brasilien)

 

 

von Holger Janusch

 

 

 

 

 

Dieses Jahr fand die dreitätige Konferenz der International Studies Association (ISA) in Kooperation mit der Associação Brasileira de Relaçōes Internacionais (ABRI) in Rio de Janeiro an der Pontifical Catholic University statt. Unter dem Motto „Diversity and Inequality in World Politics“ trafen sich WissenschaftlerInnen der Disziplin Internationale Beziehungen (IB) sowie WirtschaftswissenschaftlerInnen und SoziologInnen in Rio de Janeiro, Brasilien: in einem Land, das als Schwellenland kategorisiert wird, in dem aber immer noch ein Großteil der Gesellschaft in Armut lebt und das von großen Disparitäten bei der Einkommensverteilung und der sozialen Versorgung geprägt ist. In der Fahrt vom Flughafen zum Hotel wurde deutlich, dass Rio de Janeiro viele ärmliche Stadtviertel, so genannte Favelas, hat. In Kontrast dazu steht das Stadtviertel Ipanema, das neben vielen Modegeschäften, erstklassigen Restaurants und internationalen Hotels auch jede Menge private Sicherheitsmänner und Schutzzäune aufweist.

Ein viel versprechendes Programm mit über 100 Seiten hatte die ISA/ABRI Joint Conference zu bieten. So waren täglich über 100 Panels angesetzt. Dazu wies das Programm eine besondere Vielfalt auf, da neben Vorträgen über theoretische Debatten in den IB, wie der Kritik des Sozialkonstruktivismus am Rationalismus, eine Vielzahl von Themenfeldern, wie zum Beispiel Sicherheit, Klimawandel, Handelspolitik, regionale Integration, Entwicklung etc., abgedeckt wurden. So versprach die ISA/ABRI Joint Conference dank ihres Programms eine interessante Veranstaltung zu werden.

Während der Konferenz fielen leider einige Vorträge aus bzw. wurden in Portugiesisch gehalten, obwohl diese im Programm in Englisch angekündigt waren. Wie es bei internationalen Konferenzen üblich ist, blieben auch die anschließenden Diskussionen über die Vorträge aufgrund der engen Zeitplanung meist nur sehr skizzenhaft. Auch lockte die Joint-Konferenz in Rio nicht so viele renommierte WissenschaftlerInnen der IB, die immer noch vor allem aus den Vereinigten Staaten und Europa stammen, wie die ISA-Konferenzen in den Vereinigten Staaten. Auch einige deutsche WissenschaftlerInnen, die im Programm aufgenommen waren, erschienen leider nicht. Dies ist besonders bedauerlich, da eine Joint Conference eine besondere Gelegenheit darstellt, theoretische Perspektiven außerhalb Europas und Nordamerikas in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen.

Trotz dieser Mankos war die Konferenz eine positive Erfahrung. So konnte ich meinen ersten Vortrag auf einer internationalen Konferenz halten. Unter dem Titel „Norms and Power in Foreign Trade Policy“ legte ich dar, wie Veränderungen der Machtverteilung im internationalen Handelssystem die Handelspolitik von Staaten beeinflussen und welche Wirkung Freihandelsabkommen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern auf die relationalen Machtverhältnisse haben. Zusätzlich warf ich in meinem Vortrag die Frage auf, ob die Vereinigten Staaten und die Europäische Union Handelsabkommen nutzen, um ihre Normen, wie zum Beispiel Arbeits- und Umweltstandards, auf andere Länder zu übertragen. Anders als die meisten Analysen über Außenhandelspolitik, die den Theorien des Liberalismus oder Strukturalismus zugrunde liegen, basierten meine vorgestellten Ergebnisse auf der Theorie des strukturellen Neorealismus, dessen theoretisches und empirisches Steckenpferd eigentlich der sicherheitspolitische Bereich ist. Nicht nur die eigentliche Präsentation, sondern auch die anschließende Kritik war eine gewinnbringende Erfahrung, die mir mehr Klarheit über mein Dissertationsthema verschaffte.

Der größte Vorteil war jedoch, dass ich Kontakte zu ForscherInnen knüpfen konnte, die sich mit meinem speziellen Themenschwerpunkt befassen, der vor allem im US-amerikanischen Raum und weniger in Europa diskutiert wird.

Fazit zur ISA/ABRI Konferenz in Rio: Eine internationale Konferenz in einem Entwicklungs- oder Schwellenland stellt vielleicht den richtigen Ansatz dar, so von den Veranstaltern intendiert und dann leider bei der Konferenz in Rio de Janeiro nur ansatzweise umgesetzt, weg von dem immer noch starken Eurozentrismus in den IB zu kommen und Perspektiven außerhalb der Vereinigten Staaten und Europas auf die internationale Politik kennen zu lernen.