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DFB Frauen- und Mädchenfußall-Kongress 2010 - Alles, außer Abseits! (26 - 28.08.2010)

Maithe Cardoso mit Herrn Peter Scheffler (DFB)

 

Vorträge:


Donnerstag, den 26.08.2010 - „Frauen- und Mädchenfußball und Gleichberechtigung“


An diesem Tag wurden die Geschichte und Entwicklung des Frauenfußballs und der Gleichberechtigung von Frauen in einem historischen Kontext vorgetragen. Bis 1970 war Frauenfußball in der Bundesrepublik Deutschland verboten. Das Verbot weckte die Neugier, und die Anzahl der fußballspielenden Frauen hat trotzdem bis 1970 zugenommen, als das Verbot vom DFB aufgehoben wurde. Dieser Blick in die Vergangenheit lohnt sich, um einen Schritt nach vorne realistisch und zielorientiert zu setzen. Er verdeutlicht, wie Frauen in Gesellschaft, in Politik sowie im Fußball ihre Rolle erweitert haben. In Videos wurde gezeigt, wie Frauen damals gesellschaftlich gesehen wurden. Die zwei Hauptfragen für eine Frau wurden damals von Männern bestimmt: „Was soll ich anziehen? Was soll ich kochen?“. Der zweite Weltkrieg und die Studentenbewegung haben sich damals auf die Gleichberechtigung der Frauen ausgewirkt. Die persönlichen Erfahrungen von Hannelore Ratzeburg und Renate Schmidt wurden durch ein Tandemgespräch erzählt. Ilsa Ridder-Melchers, die Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sport Bundes (DOSB), hat gezeigt, dass das Wachstum des Frauenfußballs nicht zu bremsen ist. Auf ihrem Vortrag wurde Fußball als die zweite Sportart unter Frauen (hinter Turnen) präsentiert. Die Steigerung um 20% im Zeitraum zwischen 2001 und 2010 ist deutlich stärker als in anderen Sportarten.

 

Karen Espelundhat, ehemalige Generalsekretärin des norwegischen Fußballverbandes, hat das Thema Frauen in Führungspositionen angesprochen, und  die Möglichkeit einer Quotierung in den Sportorganisationen wurde diskutiert. Sie hat auch eine interessante Bemerkung eingebracht: den Alterungsprozess in Führungspositionen der Fußballorganisationen. Jetzt interessieren die Töchter männlicher Vorstände sich für Fußball und möchten diesen Sport ebenfalls ausüben. Als Folge arbeiten ihre Väter dafür, um ihnen das bieten zu können. Es wurde gefordert, dass Frauen in anderen Bereichen wie Sportgerichten und Kontrollausschüssen ermutigt werden sollen. Sie sollen die Chance haben, Kompetenz zu zeigen und weiter aufzusteigen. Der Wert des Fernsehens wurde zum Schluss von Dr. Zwanziger, DFB Präsident, kommentiert. Trotz des Erfolges bekommt die Frauen-Nationalmannschaft immer noch weniger Angebote für TV-Übertragungen als sogar die Männer-Nachwuchs-Nationalteams. Es wurde sich ebenso beschwert, dass Frauen in Berichten weiter weniger vertreten sind.

 

Vortrag Maren Meinerts - U-20 Bundestrainerin

 

Freitag, den 27.08.2010 - „Die Spielerinnen“


Der zweite Tag hat früher angefangen. Die Vorträge haben sich mit den Bedürfnissen der Spielerinnen sowohl im Leistungsport als auch im Breitensport beschäftigt. Die Rolle der Schule in beiden Bereichen wurde ebenso diskutiert. Die frisch gebackene U-20 Weltmeistertrainerin, Maren Meinert, hat ein Bild über die aktuellen Trainingsbedingungen gezeichnet. Eine Verbesserung der Infrastruktur (Trainingsplätze, Zeitmanagement zwischen Training für Männer und Frauen, Materialen, Einkommen der Trainer und Spielerinnen sowie der Trainerausbildung, insbesondere Förderung für Trainerinnenausbildung) wurde gefordert. Zurzeit sind drei von 12 Trainerinnen in der ersten Frauen-Bundesliga und vier von 20 in der zweiten. Zudem stellt die lange Winterpause wegen Mangels an Hallentraining ein Riesenproblem dar.

Jochen Hansen hat ein psychografisches Portrait der Fußballerinnen im Vergleich zu den männlichen Spielern aufgezeigt: Sie haben vielfältige Interessen, sind aktiver und in der Führung stärker. Dr. Herbert Dierker, Senatsverwaltung für Inneres und Sport in Berlin, hat vorgetragen, dass in der Hauptstadt die Mitgliederanzahl durch Mädchen wächst, die anfangen Fußball zu spielen. Daher kann weiter in Kunstrasenaufbau investiert werden. Das soziale Umfeld der Spielerinnen mit besonderem Fokus auf deren Doppelbelastung (Ausbildung/Beruf und Sport) wurde von Dr. Silke Brand vorgestellt. Der Zusammenhang zwischen Sport, Gesellschaft und Wertevermittlung wurde erfasst und die beste Entwicklungsvorlage (Schule, Verein, Universität) für die Sportart diskutiert.

Das Entwicklungspotential des Frauenfußballs in der Wirtschaft nimmt ständig zu: 50 Millionen wurden bereits in die kommende WM investiert; 23,5 Millionen werden von den insgesamt sechs nationalen Sponsoren gegeben. Unternehmen fragen den DFB schon nach Sponsormöglichkeiten, besonders für die Frauen-Nationalmannschaft. Mehr Zuschauer für Frauenbundesliga sind trotzdem wichtig.

Schließlich wurden erfolgreiche Projekte hinsichtlich Integration durch Frauenfußball vorgetragen. Insbesondere Mädchen mit Migrationshintergrund können durch das Integrationspotential des Fußballs profitieren. Der Modernisierungsprozess im Sport durch die weibliche Anwesenheit sowohl im Wettkampf als auch im organisatorischen Bereich wird von Prof. Eike Emrich nach der Workshop-Phase zum Schluss gezeigt.

 

Hannelore Ratzeburg und Renate Lingor

 

Samstag, den 28.08.2010 – „Die Spielmacher/innen“


Am letzten Tag stand das Thema Frauen im Ehrenamt im Fokus. Maßnahmen, die Frauen den Weg ins Ehrenamt erleichtern, wurden sowohl während der Vorträge als auch in der Workshop-Phase diskutiert. Quotierung, begleitende Entwicklung, deutliche Zuordnung von Aufgaben, Verbesserung der Rahmenbedingungen sowie mindestens zwei Frauen in einer Kommission wurden vorgeschlagen. Darüber hinaus berichteten Dagmar Freitag, Sportausschuss des Deutschen Bundestages, die seit 2001 Vizepräsidentin des Deutschen Leichtathletik-Verbandes ist, sowie Julia Klöckner, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, die in ihrem Heimatklub als Tischtennis-Trainerin aktiv war, von ihren persönlichen Erfahrungen.

Nach der Workshop-Phase wurden die Vorbereitungsaktivitäten für die kommende Weltmeisterschaft im eigenen Land von Frau Ratzeburg und von der früheren Nationalspielerin Renate Lingor vorgetragen. Die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft scheint als Möglichkeit zu dienen, mehr Spielerinnen, Fans, Sponsoren und Investitionen für den deutschen Frauenfußball zu erreichen. Zum Abschluss des Kongresses hat der Präsident, Dr. Theo Zwanziger, die Hauptpunkte noch einmal zusammengefasst: Mädchen können und dürfen mit Jungen spielen, aber sie sollen auch die Gelegenheit bekommen in Frauenmannschaften zu trainieren. Dafür sollen die Vereine mehr Mädchenteams gründen und fördern. Extratraining in Zusammenarbeit mit Schulen und Arbeitsgebern ist auch im Rahmen des Hochleistungsfrauenfußballs zu bedenken. Chancen für eine Ausbildung der Spielerinnen müssen ebenso erzeugt werden. Einige arbeiten schon im DFB, so zum Beispiel die Praktikantin und U-20 Weltmeisterin, Dzsenifer Marozsán. Talente sollen ständig in den Medien (mittels Internet, Zeitung, Magazines, TV) gezeigt werden, um neue Mädchen zu fördern. Die Männerdomäne im Fußball und die kulturelle Barriere für die weibliche Teilnahme an der Sportart wurden mühsam überschritten. Man will dort jetzt auch weiter voran kommen. Die Verbesserung sowie das Engagement müssen in jedem Bereich oben beginnen, wie es der DFB schon jahrelang macht.

 

Workshops Gemälde

 

Workshop-Phasen:

Am Freitagnachmittag wurden sieben Gruppen für die Workshops verteilt. In jeden Raum wurden drei Themen vorgestellt:  Bedürfnisse der Spielerinnen im Breitenfußball, Bedürfnisse der Spielerinnen im Hochleistungsfußball und Bedürfnisse der Trainer/innen. Die Teilnehmer sollten ihren Verbesserungsvorschlag bezüglich jedes Punktes auf ein Blatt schreiben, welches danach von einem der Moderatoren einem der drei Themen zugeordnet wurde. Am Ende konnte jeder Teilnehmer die zwei wichtigsten Vorschläge nach seiner Meinung für jeden der drei Hauptbereiche auswählen (vgl. Foto 8). Die Abstimmungen der sieben Räume wurden später vom DFB gezählt und die Vorschläge, die am meisten gewählt wurden, wurden zusammengefasst. Zum Schluss wurden die Aussagen als konkrete Maßnahmen  (vgl. Anhang 7:0 für den Frauen und Mädchenfußball) vorgestellt sowie für die Teilnehmer verteilt.

Am Samstag gab es mehr Möglichkeiten für Diskussionen während der Workshop-Phase. Obwohl die sieben Gruppen die gleichen waren, waren die Themen anders: Frauen im Ehrenamt im Breit- und Leistungsport und in Führungspositionen. Für jede gab es einen DFB-Moderator. Diesmal wurden die Teilnehmer in eine der drei Bereiche verteilt und sollten ihre Aussagen nach der Diskussion über den bestimmten Punkt äußern. Am Ende hat der DFB-Moderator jedes Themas die gemeinsamen Meinungen von seiner Gruppe vorgestellt, die auch zu den oben zitierten konkreten Vorschlägen beigetragen haben.

Parallel zu diesem Austausch konnte ich mich mit den Geschäftsführern und Mitarbeitern der Frauen-Bundesligamannschaften unterhalten. Siegfried Dietrich (1. FFC Frankfurt), Guido Lutz (FCR 2001 Duisburg), Christian Lenz (Hamburger SV) und René Schober (FF USV Jena) haben mir erzählt, dass jeder Verein vom DFB 180.000 Euro pro Saison bekommt. Das Geld kommt durch TV-Rechte, insbesondere durch die Frauen-Nationalmannschaft, mit der Auflage, in weitere Professionalisierung zu investieren. Stichwort aus Ansicht des DFB-Präsidenten: Vollzeittrainer und Vollzeitmanagement. Trotzdem müssen die Mannschaften alle Kosten (Reisen, Übernachtungen, Personal, Geräte, etc.) selbst übernehmen und der jährliche Finanzplan variiert je nach Verein von 400.000 bis zu 1,5 Millionen Euro. Die Spielerinnen verdienen zwischen 400 und 2.000 Euro, außer Öffentlichkeitsrecht. Nach Bundestrainerin Silvia Neid können davon schon einige Spielerinnen leben, jedoch ist es nicht genug für eine angemessene Versorgung nach der Karriere.

René Schober (FF USV Jena) und Uli Klar, Koordinatoren im Bereich Juniorinnen-Spitzenfußball des Fußballverbandes Rheinland (FVR), haben auch persönlich mit mir über die Überbelastung der Spielerinnen im Nachwuchsbereich gesprochen. Die Juniorinnen haben manchmal vier verschiedene Trainingseinheiten (Schule, Verein, Personal sowie Nationalteam) und leiden häufiger unter einem gewissen Verletzungsrisiko, insbesondere einem Riss des vorderen Kreuzbandes, wie in der wissenschaftlichen Literatur zum Frauenfußball bereits festgestellt wurde. Es handelt sich um eine Tatsache, die beachtet werden muss, jedoch nicht im Rahmen des Kongresses diskutiert wurde. An dieser Stelle scheinen Möglichkeiten und Bedürfnisse für zukünftige Veranstaltungen sowie  Forschungen von Wichtigkeit zu sein, mit denen sich mein Projekt teilweise beschäftigen wird.

 

Mit Frank Pohl (Sächsischer Fussball-Verband) und Uli Klar (FRV)
Mit René Schober (FF USV Jena) im Bus der Nationalmannschaft