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„12th Conference of the European Sociological Association (ESA)“, 25.-28.08.2015, Prag, Tschechien

Die zweijährlich durchgeführte Konferenz der European Sociological Association (ESA) ist das wichtigste Forum für den disziplinären Austausch innerhalb der europäischen Soziologie. Von der Bergischen Universität Wuppertal bekamen drei Promovierende – auch dank der Förderung des ZGS – die Möglichkeit, ihre aktuellen Forschungsarbeiten einem internationalen Publikum zu präsentieren. Aytüre Türkyilmaz, Jessica Schwittek und Steffen Eisentraut schildern ihre Eindrücke.

Aytüre Türkyilmaz: Im Panel des Research Networks „Sociology of Childhood” hatte ich die Möglichkeit Auswertungen aus meinem Dissertationsprojekt vorzustellen. Unter dem Titel „Actors of Unequal Childhoods“ präsentierte ich Muster familiärer Sozialisation, oder genauer: wie Eltern und Grundschulkinder im familiären Alltag mit wachsendem Qualifizierungsdruck umgehen und wie diese Reaktionen sich je nach sozialer Lage, gesellschaftlichen Erfahrungen und situativen Aspekten unterscheiden. Vor allem aber wurden auch die Beiträge in Rechnung gestellt, die Kinder innerhalb dieser Kontexte zur Konstruktion der eigenen sozialen Position leisten.

Gemäß des Anspruchs der Kindheitssoziologie zielte die Studie darauf ab die soziale Wirklichkeit aus der Sicht der Kinder zu rekonstruieren. Neben den Eltern als familiäre Sozialisationsagenten wurden also auch die Kinder selbst mithilfe von teilstandardisierten Interviews befragt. Für die Eltern handelte es sich u.a. um Themen wie ihre gesellschaftlichen und schulischen Erfahrungen und die Organisation des Alltags; für die Kinder waren es Fragen nach ihrer Selbsteinschätzung, ihren Vorlieben und Neigungen, ihren Wünschen, Ängsten und Zukunftsvorstellungen.

Anhand der so gewonnen Komplexität der Informationen für insgesamt 28 Familien konnte deutlich gezeigt werden, wie sehr die Kinder auf das Verhalten ihrer Eltern Einfluss nehmen. Statt vom Erziehungsverhalten der Eltern spricht man deshalb besser von einem in Interaktionen realisierten und immer wieder angepassten Programm, das durch einen geringen sozialen Status in zweifacher Weise ungünstig beeinflusst wird: durch den Mangel an Ressourcen und durch die Erfahrung gesellschaftlicher Marginalität. Die Bemühungen der Eltern um schulischen Erfolg sind hier besonders angestrengt, die Interaktionen mit dem Kind in diesen Fällen fast ausschließlich auf die Frage des schulischen Erfolgs verengt. Ganz wesentlich trägt aber auch das Kind über seinen Schulerfolg zu diesem Programm bei, macht es zum angespannten Bemühen, unmittelbare Erfolge zu erzielen resp. Misserfolge abzuwenden oder zum entspannten auf eine Vorstellung von Glück gerichteten Vorhaben. Aber das ist nicht die einzige Art, wie die Kinder das Programm mitsteuern, vielmehr tun sie es auch durch die Übernahme und Ausarbeitung von Zuschreibungen an ihre Person und durch die Präsentation von Ansprüchen und Eigenarten. Dabei kommen diese Selbstzuschreibungen und –präsentationen der Kinder weitgehend einem Erkennen, Mitspielen und Ausarbeiten des bereits gefahrenen Programms gleich. Sie sind dennoch eine eigenständige Leistung und das fällt vor allem da auf, wo das Kind sie entzieht. All das rechtfertigt es, Kinder als (Inter-)Akteure ihres Erfolgs zu betrachten.

Jessica Schwittek: In der Session „Place and Adversity“, ebenfalls eine Veranstaltung des kindheitssoziologischen Research Networks der ESA, wurden vier Forschungsarbeiten vorgestellt, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Verhältnis von Kindheit und „Raum“ beschäftigen, bzw. dieses Verhältnis im Zusammenhang mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Debatten diskutierten. Michele Poretti beleuchtete strukturelle Veränderungsprozesse und Gentrifizierung in einer schweizer Kleinstadt aus der Perspektive von 7-9jährigen Kindern und zeigte, wie sich soziale Ungleichheit bereits in der kindlichen Wahrnehmung der eigenen Umgebung abbildet. Um diese Repräsentationen der eigenen sozialen Welt ging es auch in dem Vortrag von Deborah De Felice, die darstellte, wie sich der aktuelle Diskurs um das Thema Sicherheit/Unsicherheit in italienischen Städten auf Kinder und deren Empfinden von Unsicherheit versus Autonomie im öffentlichen Raum auswirkt. Um die Debatten von Risiko und Gefahr und deren Zusammenspiel mit intergenerationalen Beziehungen drehte sich auch die Forschung von Cecile de Miliano aus den Niederlanden, die die gesellschaftlichen Konzepte von „Kindheit“ und „Jugend“ in Überflutungsgebieten untersuchte. In meinem eigenen Vortrag präsentierte ich Ergebnisse aus einem vergleichenden Forschungsprojekt in Deutschland und dem zentralasiatischen Land Kirgistan. Anhand meiner qualitativen Analyse der „Lieblingsorte“, die Kindergartenkinder aus beiden Ländern in diesem Projekt gezeichnet und beschrieben hatten, arbeitete ich Unterschiede aber auch Parallelen der räumlichen Ressourcen beider Gruppen heraus und diskutierte vor diesem Hintergrund unterschiedliche Muster von Kindheit in diesen beiden Gesellschaften. Die sich an die Vorträge anschließende Diskussion thematisierte sowohl methodische Aspekte in Bezug auf die Forschung mit sehr jungen Kindern als auch die Frage der Universalisierung von Kindheit, also die (globale) Durchsetzung von bestimmten ‚Kindheitsphänomenen‘ wie beispielsweise Spielplätze oder Diskurse zur Sicherheit von Kindern im öffentlichen Raum.
Sowohl durch die gewählten Forschungsfragen als auch die theoretischen und methodischen Herangehensweisen der ReferentInnen eröffnete sich ein weites Spektrum an Ansätzen, mit denen die soziologische Kindheitsforschung sich der räumlichen Anordnung von Kindheit nähern kann. Die Untersuchung dieser räumlichen Bezüge erwies sich als gewinnbringend für ein komplexes Verständnis von Kindheit in einem bestimmten Kontext, aber eben auch im (nationalen oder internationalen) Vergleich, wie die in dem Panel vorgestellten Studien zeigten.

Steffen Eisentraut:
In einem gemeinsamen Panel des Research Networks „Sociology of Consumption“ und des Research Networks „Youth and Generation“ durfte ich mit meiner Kollegin Dr. Alexandra König (ebenfalls Bergische Universität Wuppertal) einen Vortrag zum Thema „’I love these Shoes’ – Shopping as a Practice of Legitimization and Presentation“ halten. Die Idee für den Vortrag entstand im Laufe eines zweisemestrigen Forschungspraktikums mit Studierenden der Soziologie an der BUW.

Das Panel sollte grundsätzlich die Frage nach Konsumpraktiken junger Menschen umkreisen. Unser Vortrag widmete sich der sozialen Bedeutung von Kleidung – welche Relevanz wird Mode-Produkten und dem Kaufen von Kleidung vonseiten Jugendlicher zugeschrieben? Hierfür schauten wir uns drei unterschiedliche methodische Zugänge auf das Phänomen an. In einer ersten Perspektive wurden Jugendliche in Interviews und Gruppendiskussionen nach ihren eigenen Mode-Präferenzen und Kleidungpraktiken gefragt. Mit Beobachtungen in Modeketten wie H&M wurde, zweitens, auf die Praktiken des Shoppens geschaut. Zuletzt wurden mit so genannten „Shopping Hauls“ selbst produzierte Videos junger Menschen betrachtet, die ihre Einkäufe einem Publikum auf Internetplattformen wie YouTube präsentieren.

Je nach gewählter Methodik treten hinsichtlich der sozialen Bedeutung von Kleidung unterschiedliche Facetten des Phänomens zu Tage: In den Interviews und Gruppendiskussion wird Kleidung von den Akteuren als Medium der Selbst-Präsentation beschrieben – eines individuellen als auch strukturierten Selbst, für das Geschmack eine soziale Anforderung darstellt. Dementsprechend grenzen die Akteure sich und ihre Präferenzen von Anderen ab. Bei den Beobachtungen wird indessen deutlich, dass die Praxis des gemeinsamen Einkaufens von Peers nicht nur individuellen, sondern auch geteilten Geschmack formiert. Diese situativen „Geschmacks-Allianzen“ werden mittels der Bewertung einzelner Kleidungsstücke in den Interaktionen der Akteure hervorgebracht. Auch hier sind die Grenzen des (eigenen) Geschmacks entscheidend, um sich selbst zu verorten. Die Analysen der „Shopping Haul“-Videos zeigten hingegen, dass es den Akteuren weniger um die Präsentation eines individuellen Geschmacks (und dessen Grenzen), sondern um die Präsentation einer spezifischen Form von Weiblichkeit sowie eines „emotional-rationalen“ Konsumenten-Typus geht. Diese Form der Präsentation findet innerhalb eines hoch standardisierten und normalisierten Modus statt, der für diese virtuellen Bühnen charakteristisch ist.

Zwei weitere Vorträge aus dem Panel warfen interessante Fragen auf: Pernille Hohnen (Universität Aalborg, Dänemark) hat mit Kolleginnen untersucht, wie dänische Jugendliche Kredite und Schulden wahrnehmen und bewerten. Ausgangspunkt der Studie ist der Befund, dass u.a. durch die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs die Inanspruchnahme von Krediten unter jungen Menschen zunehmend akzeptierter ist. Anhand von Interviews konnte gezeigt werden, dass das wachsende Risiko der Überschuldung nicht alleine auf individuelles – ggf. irrationales – Verhalten zurückgeführt werden kann, sondern sich in den Praktiken verschiedene moralische Diskurse abzeichnen. So unterscheiden die Befragten etwa zwischen „Kredit“ und „Schulden“; die kurzfristige Ausnutzung von Kreditrahmen – Überziehung des Kontos oder Nutzung von Kreditkarten – wird als legitim und als Form der Währung neben Bargeld bewertet, während Schulden als soziale Kategorie eine Abweichung des Normalen darstellt.

Gunnar Otte (Universität Mainz) stellte eine empirische Studie vor, die sich anhand des städtischen Nachtlebens mit Prozessen sozialer Ungleichheit und symbolischen Grenzziehungen im Jugendalter beschäftigt. In Leipzig wurde das Publikum in diversen Clubs und Discotheken mit unterschiedlichen musikalischen Genres (Techno, Indie-Rock usw.) untersucht – sowohl mit einem quantitativen Survey als auch mit ethnografischem Zugang sowie Gruppendiskussionen mit typischen Besuchern. Die Ergebnisse verweisen auf ein Zusammenspiel klassischer Kategorien sozialer Ungleichheit wie Alter, Geschlecht und Bildungshintergrund und szenetypischer Formen „subkulturellen Kapitals“ wie Musik-Kapital (z.B. Wissen über das Genre, Plattenbesitz, Aktivitäten) und Körper-Kapital (z.B. gebräunte Haut, Outfit, muskulöser Körper). Über den Mixed-Methods-Ansatz konnte nachgewiesen werden, dass die Ökonomie des Nachtlebens in mehrerlei Hinsicht durch soziale Ungleichheiten strukturiert ist: So besuchen die Großraum-Disco vorwiegend Menschen mit Ausbildung ohne akademischen Hintergrund, die aus dem Umland kommen. Für diesen Ort spielt Körper-Kapital, wie etwa ein sportliches Aussehen, eine relevante Rolle – es existieren interne Hierarchien der Besucher auch hinsichtlich des Outfits. In dem Indie-Club hingegen wird ein bestimmter Dresscode abgelehnt. Starke symbolische Grenzziehungen werden allerdings gegenüber den vermeintlichen BesucherInnen der Großraum-Disco vollzogen, denen beispielsweise guter Musikgeschmack abgesprochen und allgemein ein niedrigerer Bildungsgrad zugeschrieben wird.