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“Design and Displacement. Social Studies of Science and Technology”

“Design and Displacement. Social Studies of Science and Technology”. Annual Meeting of the Society for Social Studies of Science (4S), held jointly with European Association for the Study of Science and Technology (EASST), 17. - 20. Oktober 2012 in Kopenhagen

Die Zusammenkünfte der Society for Social Studies of Science (4S) haben sich in den letzten Jahren kontinuierlich steigender Teilnehmerzahlen erfreut und verzeichneten mit diesmal 1.700 Besuchern einen neuen Rekord. Es war das erste Mal in der Geschichte der 1975 gegründeten wissenschaftlichen Gesellschaft, dass die Tagung bereits Wochen vor Beginn aufgrund der großen Nachfrage einen Anmeldestopp beschließen musste – ein Indiz dafür, dass die Science and Technology Studies, kurz „STS“, ein (immer noch) stark wachsendes Forschungsfeld innerhalb der Sozialwissenschaften darstellen, dem sich internationale Forscher_innen aus unterschiedlichsten Disziplinen widmen.

Die Kernfrage der STS, wie nämlich einerseits menschliches Leben und Gesellschaft von Wissenschaft und Technologie beeinflusst werden und wie andererseits Wissenschaft und Technologie gesellschaftlich geformt sind, durchzog als Leitfaden nicht nur die Sessions, sondern wurde in anregender Weise auch mit dem Veranstaltungsort verbunden. So wurde der Titel „Design and Displacement“ bereits in den Keynotes am Eröffnungstag auf die Wandlungsprozesse bezogen, die Kopenhagen momentan durchläuft. Laura Watts, Lucy Suchman und Pelle Ehn diskutierten in einem imaginierten Briefwechsel via Flaschenpost zwischen Silicon Valley (USA), den Orkney Islands (Schottland) und Kopenhagen über die Frage, was für diese Orte jeweils „Design“ bedeute. Im anschließenden Dialog zwischen dem Soziologen Anders Blok und einem für den Entwurf des Kopenhagener Nordhafens mitverantwortlichen Architekten ging es um die Ansprüche, die sich mit der Idee einer zukunftsfähigen und nachhaltigen Großstadt verbinden, und konkret um die dänische Hauptstadt selbst, die nicht nur wegen des „Leuchtturmprojekts“ Nordhafen eine führende Rolle hinsichtlich innovativer städteplanerischer Konzepte spielt. Nicht umsonst werden die Wandlungsprozesse der Nordmetropole mit einem eigenen Begriff – „Copenhagenization“ – beschrieben. Den abschließenden Beitrag des Eröffnungstages lieferte mit Annemarie Mol eine prominente Figur auf dem Gebiet der STS. Sie warf einen kritischen Blick auf das in Skandinavien verbreitete „New Nordic Food“, das als Erfindung in geschickter Weise Gesundheitsthemen mit lokalen Ressourcen und Marktgegebenheiten zusammenbringt.

In den thematischen Sessions – auch hier zahlenmäßig beachtlich: in jedem Time-Slot fanden parallel 30 Panels statt; insgesamt gab es an drei Tagen über 300 Panels mit jeweils vier bis fünf Vorträgen – konnten die Besucher je nach Forschungsschwerpunkt und Interesse aus einer breiten Themenpalette wählen. Mein eigener Vortrag „Mobile Communication as Permanent Presentation of Self“ war in einer Session verortet, die sich mit Identitäten in Online- und „Real Life“-Situationen auseinandersetzte. Während eine Präsentation sich mit der Twitter-Nutzung von Schülern befasste und eine andere mit der Chat-Kommunikation von Usern des Online-Rollenspiels „World of Warcraft“, widmeten sich zwei Vortragende sexuellen Identitäten und den Wechselbeziehungen zwischen digitalen und Face-to-Face-Interaktionen am Beispiel von Dating-Sites im Internet.

Die Vielfalt der Themen war wie gesagt groß: Ein Beitrag befasste sich zum Beispiel mit der Frage, inwiefern sich Online-Meldesysteme in der Kinder- und Jugendhilfe mit ihren (vorgegebenen) Risikokategorien auf Einschätzungen und Praktiken der professionellen Akteure auswirken, ein weiterer mit der weltweit erfolgreichen wie kontroversen Ausstellung „Körperwelten“ und den theoretischen Implikationen einer Klassifizierung toter Körper als Plastinate, während ein anderer über die Rolle des Kochens als „Alltagswissenschaft“ referierte.

Gerahmt und abgerundet wurde das inhaltliche Programm von einem hohen Maße an skandinavischer Gastfreundlichkeit – zwischen den Sessions gab es immer wieder Gelegenheit, in informeller Runde bei Kaffee und Gebäck oder „New Nordic Food“ mit Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch zu kommen und sich auszutauschen. Die Copenhagen Business School, deren Räumlichkeiten von den Veranstalter_innen optimal genutzt wurde, lieferte eine nahezu perfekte Kulisse. Nicht zuletzt hatte man während der vier Tage Konferenz auch noch Zeit, die so genannte „Copenhagenization“ nicht nur theoretisch, sondern auch physisch zu erfahren.

Mein Dank gilt den Verantwortlichen der 4S/EASST, den lokalen Organisator_innen der Tagung und dem Zentrum für Graduiertenstudien (ZGS) an der Bergischen Universität Wuppertal, das durch die Bezuschussung der Reisekosten meine Teilnahme in Kopenhagen erst möglich gemacht hat.