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Tagungsbericht: Georg-Forster-Kolloquium: Fremdheit und Interkulturalität Georg Forster als interkultureller Autor

In der documenta -Stadt Kassel tagte vom 15. bis zum 16. Juni die Georg-Forster-Gesellschaft parallel zur größten Ausstellung für zeitgenössische Kunst Deutschlands. Nachdem in den vergangenen Jahren Forster und die Künste, Forster und die Sprache und Forster und die Berliner Aufklärung im Mittelpunkt gestanden hatten, war das Thema des Kolloquiums 2012 wieder einmal Forsters Wirken in der Südsee gewidmet, die er auf der zweiten Reise James Cooks besucht hatte. Das Kolloquium behandelte aus vielerlei Sicht den Aspekt der Interkulturalität in Forsters Wirken und Werk.

Den Auftakt bildete Michael Ewert (München), der Forsters Herkunft und Werdegang bis zum Reiseantritt schon interkulturell deutet. Als Nachfahre von schottischen Einwanderern war er in Danzig geboren, unternahm dem Alter nach kaum zweistellig eine erste Forschungsreise mit dem Vater durch die russischen Westgebiete und wurde von seinem theologisch gebildeten Vater in Latein und Griechisch aber auch in Englisch, Französisch und Deutsch geschult. Hans-Jürgen Lüsebrink (Saarbrücken) hatte Forsters Rezensionen ausgewertet und konnte durch Diagramme nachweisen, das Forster auch in den Wissenschaften kulturelle Grenzen übersprang. So schrieb er Rezensionen über Werke von Weltreisenden genauso wie über Werke zur Botanik und Geologie.

Nach der Kaffeepause kam es zu einer Programmänderung: Da Walter Veit (Clayton, AU) und Yomb May (Bayreuth) leider abgesagt hatten, sprang Frank Vorpahl (ZDF, Mainz) ein, der von neuen zeichnerischen Funden im Nachlass Forsters in Paris berichtete, die dessen wissenschaftliche Auseinandersetzung mit anderen Biologen belegten. Um die zweite Vortragslücke des Tages zu schließen, wurde der eigentlich erst für den nächsten Tag geplante Vortrag Anne Peiters (Reunion) vorgezogen. Ihr launisch-ironischer Vortrag beschäftigte sich ausführlich mit den roten Federn als Tauschmittel auf Tahiti und inwieweit der Einsatz der Federn durch die Europäer deren Wert darstellte.

Da sich zum Thema der Tagung viele Vortragende angemeldet hatten, wurden die weiteren Vorträge des Tages in zwei Sektionen aufgeteilt. Während sich die erste Sektion thematisch eher dem Exotischen in Forsters Werk in seiner vollen Breite zuwandte, spiegelte sich in der zweiten Sektion eher ein wissenshistorischer Ansatz wieder. In ihrem Vortrag über Forsters Einfluss auf die Intellektualität stellte Barbara Di Noi (Florenz) heraus, wie Forster auch Europa interkulturell sah und intertextuell verbunden war mit anderen Schriftstellern seiner Zeit. Auch ein Blick in die Rezeption Forsters fehlte nicht. Mein kleiner Vortrag, der folgte, stellte die Bedeutung von Tieren während der britischen Reisen Ende des 18. Jahrhunderts heraus und unterzog einige Behauptungen der Reisenden kritischer Prüfung – etwa durch Bezugnahme auf genetische Analysen.

Der zweite Teil der Sektion begann mit Anne Mariss (Kassel), die sich in ihrem Dissertationsvorhaben mit Forsters Vater, Johann Reinhold Forster, der als Botaniker auf der zweiten Reise Cooks teilnahm, beschäftigt und dessen Wissensproduktion auf die Abhängigkeiten des Umfelds überprüft, in dem er arbeitete. Florian Kappeler (Zürich) schließlich probierte aufzuzeigen, ob außereuropäische Revolutionen gegen Ende des 18. Jahrhunderts Forsters eigene politischen Ideen beeinflusst hatten. Bisher wurde einzig davon ausgegangen, dass die Französische Revolution Auslöser gewesen sei.

Ludwig Uhlig (Athens, GA, USA) wurde an diesem Abend zum Ehrenmitglied der Forster-Gesellschaft ernannt, was sich seiner Stellung als Nestor der Forster-Forschung verdankte. In seinem Abendvortrag ging er auf den polyglotten Forster ein, der sich im Laufe seines Lebens in mehreren Sprachen unterhielt und korrespondierte, was Uhlig durch ausgewählte Werke belegte. Der Abend wurde mit einem gemeinsamen Abendessen beschlossen. Andere Tagungsgäste nutzten die Gelegenheit sich noch Standorte der documenta 13 anzusehen.

Der nächste Tag begann mit einem Vortrag von Ruth Stummann-Bowert (Kassel), der jedoch wegen ihrer Abwesenheit von Rolf Siemon (Göttingen/Kassel) vorgestellt wurde. Sie legte da, welche Schwierigkeiten eine Verständigung mit anderen Kulturen macht, wenn die Sprache nicht verstanden wird und auch die Symbolik eine ganz andere ist. Der Vortrag von Esaïe Djomo (Dschang, Kamerun) fiel leider aus, so dass sogleich der von Gesa Singer(Göttingen) folgte, die über das eigene Thema der Tagung hinausging und Gegenwartsliteratur vorstellte, die Interkulturalität beleuchtete, dennoch fiel der spätere Schlenker zu Forster nicht schwer, der durch Literatur seine eigene Kultur beleuchten konnte. Den letzten Vortrag der Tagung hielt Dieter Heintze (Bremen), der die Sicht umkehrte und nun einmal die Europäer als Fremde ansah. Dabei stellte er etwa das Missverständnis des politischen Systems Tahitis heraus. Die Europäer seinen von einem System ausgegangenen, das dem britischen Modell ähnlich sei und hätten dabei die Balance der Regionalfürsten übersehen.

Die Tagung wurde von Stefan Greif (Kassel) beendet, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die einzelnen Tagungsbeiträge in den Forster-Studien des Jahres 2014 veröffentlicht werden und die nächste Tagung im Jahr 2013 in Zusammenarbeit mit der Lichtenberg-Gesellschaft stattfinden wird. Man wird sich auf eine wahrscheinlich wissenschaftshistorische Tagung freuen dürfen.