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Tagungsbericht: Tagung der Gesellschaft für Überseegeschichte: „Österreich in Übersee“

Plakat der Tagung
Plakat der Tagung

Braucht man Kolonien, um in der europäischen Überseegeschichte eine Rolle zu spielen? Österreich bzw. die Habsburgermonarchie besaß keine und dennoch konnte man die Rolle Kakaniens vom 8. bis zum 10. Juni wunderbar diskutieren. Anlaß dazu gab die jährliche Tagung der Gesellschaft für Überseegeschichte, die zum zweiten Mal außerhalb Deutschlands tagte. Die Kaiserstadt Wien mit ihrer Ehrfurcht gebietende Kulisse war Austragungsort der diesjährigen Tagung, die von dem Ethnologen Hermann Mückler (Wien) und seinem Team organisiert worden war.
„Österreich in Übersee“, so der Titel der Veranstaltung, bot dabei ein breites Spektrum von Themen aus allen Bereichen der Geschichtswissenschaft. Während am Eröffnungstag Walter Sauer (Wien) darauf aufmerksam machte, dass gerade am Beispiel Österreichs das Problem des Kolonialismus auch außerhalb politischer Aktivität, etwa durch Forschung und Handel, besonders deutlich werde, ging man am nächsten Tag ins Detail. So machte Markus A. Denzel (Leipzig) deutlich, dass Österreichs Übersee aus wirtschaftlicher Sicht nicht in Amerika, Australien, dem Fernen Osten oder gar dem subsaharischen Afrika gelegen hatte sondern eben in der Levante, wo sich ein großer Absatzmarkt für österreichische Produkte befand. Dieser nicht ausgeprägter Überseehandel war jedoch nicht nur auf eine spätere Industrialisierung Österreichs zurückzuführen sondern auch darauf, dass es keinerlei Interesse der Regierung gab, in Übersee zu investieren. Der Grund lag auch in den Peripherien des Habsburgerreichs, wie Andrea Komlosy herausstellte. Wer im Vielvölkerstaat der k.u.k.-Monarchie lebte hatte mit den unterschiedlichen Einkommen und Wirtschaftsleistungen der Provinzen genug Absätzmärkte im Land selber.
Das zweite Panel des Tages widmete sich der Wissenschaftsgeschichte Österreichs in Übersee. Marianne Klemun (Wien) zeigte auf inwieweit im 18. Jahrhundert auch die Habsburger vom Motiv des Pflanzensammelns eingenommen waren. So wurde etwa der Niederländer Jacquin im Auftrag Österreichs in die Karibik geschickt, um dort zu botanisieren. Andere Expeditionen jedoch scheitern oftmals am Personal. Mit Beginn des 19. Jahrhundert möchte man es jedoch noch einmal wissen und entsendet eine Expedition von Wissenschaftlern nach Brasilien. Die Vorbereitungen dazu wurden von Kurt Schmutzer (ORF) dargestellt, der die akribische Versuche dazu nachverfolgte und auch aufzeigte, dass vermeintliche Defizite im Wissen der Zeit mit mangelnder Kenntnis zu tun hatten.  
Wer über Österreich in Übersee spricht, kann sich jedoch nicht einzig auf Wien und den deutschsprachigen Teil der Habsburger-Monarchie stützen. So gehörte das dritte Panel den extra aus Tschechien angereisten Lukaš Novotny und Aleš Skřivan sr (beide Prag), die über die wirtschaftliche und politische Verflechtung Österreich-Ungrans mit Japan vor dem 1. Weltkrieg berichteten. Aleš Skřivan jr (Prag) wendete sich dem asiatischen Kontinent zu und berichtete über die Rüstungsexporte der Skoda-Werke nach China vor dem 1. Weltkrieg.
Das letzte Panel des Tages war den Südseebeziehungen Österreichs gewidmet. Johann Stockinger (Wien) sprach in seinem Vortrag über den Philippinenforscher Ferdinand Blumentritt. Seinem Vortrag merkte nicht nur eine profunde Kenntnis seines Sujets an, auch war er in der Lage die Begeisterung, die er für Blumentritt empfand anschaulich zu machen. Blumentritt, der als Lehrer und Rektor kaum seinen Arbeitsort verlassen hatte, konnte auf ein Netzwerk zurückgreifen, dass es ihm erlaubte, über Sprache und Kultur der Philipinen zu schreiben und zum Experten zu werden.
Beendet wurde der zweite Tag mit dem Vortrag Johann Gollhammers (Freilassing/Salzburg), der über die Auswanderer aus Dalmatien und Böhmen sprach, die sich in Neuseeland niedergelassen hatte. Während letztere ohne größere Probleme integriert wurden, waren die Dalmatier unbeliebt und kehrten oftmals in ihre Heimat zurück.

Losgelöst vom eigentlichen Thema der Tagung fand auch diesmal das Junge Forum statt, in dem Nachwuchswissenschaftler ihre aktuellen Forschungen vorstellten und sich um das GÜSG-Stipendium bewarben. Die in Davis (USA) promovierende Giovanna Montenegro sprach über den Amerikareisenden Nikolaus Federmann, der in Südamerika kaum bekannt sei. Javier Francisco Vallejo (Tübingen) arbeitet über die Jesuitenuniversität in Cordoba und untersiuht in seiner vielversprechenden Arbeit wie Wissen zwischen Europa und Südamerika an Universitäten vermittelt wurde und welche kulturellen Eigenheiten dabei eine Rolle spielen. Ein wahres Mamutprojekt hat sich die Baslerin Tanja Hammel vorgenommen. Anhand der Biographie der Mary Elizabeth Bakers, einer Amateurbotanikerin aus Südafrika, möchte sie nicht nur den überseeischen Aspekt von Wissensnetzwerken analysieren sondern auch den Stellenwert von Frauen und Amateuren in der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts. Anissa Strommer untersucht in ihrer Doktorarbeit die Ursprünge des Unserdeutsch, einer Kreolsprache Papua-Neuguineas, die von Kindern in einem Internat erfunden wurde und schließlich kreolisierte, als diese Kinder später untereinander heirateten und selber Kinder bekamen. Die Sprecher wanderten nach Australien aus, sprachen sie in Folge dessen nicht mehr und so gehört Unserdeutsch zu den bedrohten Sprachen.  Ganz überraschend um vom Vorsitzenden der Gesellschaft, Hermann Hiery (Bayreuth) überredet, trat noch Margit Wolfsberger mit einem Vortrag an. Wolfsberger, die die Detailplanung der Tagung übernommen hatte, sprach über ihr Projekt der jüdischen Migranten in Neuseeland, die während des Dritten Reichs dorthin geflohen waren. Beschlossen wurde das Forum durch Tomas Villaroel Heinrich (Würzburg), der sich mit den außenpolitischen Beziehungen zwischen Chile und der BRD während des Kalten Kriegs beschäftigt. I nseinem Vortrag ging er auf eine Episode der 50er Jahre ein, in der die in Chile lebenden Deutschen sich der neu gegründeten BRD eher ungehalten gegenüber zeigten.
Wie sooft war auch diese Tagung in den Nebenschauplätzen mindestens genauso gut besucht und unterhaltsam wie sie bei den Vorträgen war. Die am Freitag Abend stattgefundene Führung durch und das Essen im Piaristenkeller war ein wunderbares österreichisches Highlight, dass im Schnelldurchgang die deutschen Piefkes mit den österreicherischen Habsburgern und auch Mozart versöhnte. Auch für Fußballmuffel wurde gesorgt, so dass am Samstagabend im Heuriger Pötzleinsdorf gespeist und geredet werden konnte. Wie ergibt und unterhaltsam die Tagung war, ist auf der Homepage dokumentiert.