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2. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechterforschung (4.-6. Dezember 2014): DE | STABILISIERUNGEN. Theorie | Transfer | Selbst | Gesellschaft

von Jeannette Windheuser

(Foto:  Evangeline Adler-Klausner von der Koordinationsstelle für Geschlechterstudien, Frauenforschung und Frauenförderung, Universität Graz)

Vom 4. bis 6. Dezember 2014 veranstaltete die Österreichische Gesellschaft für Geschlechterforschung in Graz ihre zweite Jahrestagung unter dem Titel „DE | STABILISIERUNGEN. Theorie | Transfer | Selbst | Gesellschaft“. Daran angeschlossen wurde am Abend des 4. Dezember das 20-jährige Jubiläum der Koordinationsstelle für Geschlechterstudien der Karl-Franzens-Universität Graz gefeiert.


Die Tagung und die Feier der Koordinationsstelle forderten insbesondere dazu auf, sich mit Problemen des Theorie-Praxistransfers auseinanderzusetzen. Dabei wurden die theoretischen, politischen, empirischen und gesellschaftlichen Bedingungen für Geschlechterforschung und -politik in ihrer Breite betrachtet. Die erst zwei Jahre junge Gesellschaft sieht sich als Vertretung der österreichischen Geschlechterforschung im inner- wie außeruniversitären Bereich. Dieser Umstand wie auch die breit angelegte Thematik der Jahrestagung führten zu einer hohen Teilnehmer_innenzahl und zu einem umfangreichen Programm: In 21 Sessions wurden über 80 Vorträge veranstaltet, neben drei Keynotes (Isabell Lorey, Libora Oates-Indruchová, María do Mar Castro Varela) wurden kulturelle Beiträge und offene Panels organisiert.


Angesichts der umfangreichen, teils parallelen und vielseitigen Auswahl möglicher Vorträge und Diskussionen, kann nur ein selektiver Einblick in die Tagung gewährt werden. Deutlich wurde bereits bei der Tagungsankündigung, dem CfP und in den Broschüren zur Veranstaltung selbst, dass eine Gesellschaft für Geschlechterforschung mit der begrifflichen, wissenschaftlichen und politischen (Selbst-)Verortung zu ringen hat. Geht es um Geschlechterforschung, gender studies oder feministische Theorie? In welcher Beziehung steht Wissenschaft zu politischer Praxis? Was heißen Transformation und Transfer für Geschlechterforschung und -politik?


Da Geschlechterforschung ein interdisziplinäres Feld darstellt, war die Zusammenstellung der Vorträge unter Berücksichtigung der genannten gemeinsamen Fragen sehr gelungen. In einigen der von mir besuchten Sessions wurde deutlich, wie grundlegende Herausforderungen feministischer Theorie und Politik bzw. ‚der’ Geschlechterforschung über Disziplinengrenzen hinweg beleuchtet und diskutiert werden können. Allerdings wurden auch Brüche aufgezeigt, die nicht einfach zu überwinden waren – vielleicht ist ein solches Ziel auch fraglich – vor allem zwischen Wissenschaft und Gender-Mainstreaming-Praxis. Einzelne Beiträge, die meiner Ansicht nach in theoretischer, historischer oder politischer Hinsicht Anlass zu kontroversen Diskussionen boten, wurden kaum kritisiert. Allerdings waren viele Beiträge und Diskussionen von einem sehr hohen Niveau geprägt, so dass deutlich wurde, dass sowohl die Vortragenden als auch das diskutierende Publikum in der Lage waren, die wissenschaftlichen und politischen Debatten voranzutreiben. Insbesondere fand ich diejenigen Beiträge und Diskussionen (auch für meine eigene Forschung) hilfreich, die sich den Fragen gestellt haben, was Geschlecht als Kategorie in der Gegenwart bedeutet und inwiefern dies mit dem Verhältnis von Praxis und Wissenschaft zusammenhängt. Vor allem in diesen Auseinandersetzungen wurde deutlich, wie ein wissenschaftlicher Gegenstand ‚umkämpft’ wird. Nicht zuletzt in der Session, in der ich vortrug, wurden in der Diskussion unterschiedliche Perspektiven darauf sichtbar, was feministische Theorie, Empirie und Politik sein können.
Dennoch fuhr ich mit einem ambivalenten Eindruck zurück: In einigen Sessions wurde ein gewisser Wunsch nach Harmonisierung deutlich, vielleicht ein Versuch, gemeinsame Stärke in der Geschlechterforschung durch Einigkeit und nicht allzu scharfe Kritik aneinander herzustellen. Die Tagung war angetreten, sich mit den gegenwärtigen Transformationen in der Geschlechterforschung unter den Voraussetzungen neoliberaler Verhältnisse auseinanderzusetzen; sich selbst und die äußeren Bedingungen zu reflektieren. Die deutschsprachigen Gesellschaften für Geschlechterforschung als junge Unterfangen können als Versuche gedeutet werden, den Widrigkeiten, denen sich feministische Theorie und Politik nach der zweiten Frauenbewegung ausgesetzt sah, ein neues Kollektiv entgegenzusetzen. Vielleicht wäre es hilfreich dieses Kollektiv als eines zu betrachten, dass sich über die gemeinsame Aufgabe, was die Bedingungen für die Unterdrückung qua Geschlecht sind und wie diese verändert werden können, definiert, anstatt über eine gemeinsame Antwort. Letzteres läuft Gefahr ein zentrales Merkmal feministischen Denkens auszuschalten: die Kritik an Eindeutigkeiten.