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Call For Papers

Workshop "Raum. Theorie und Figuration"
(21. und 22. Januar 2011, Freiburg
im Breisgau)

Workshop der
AG Erzählforschung (Zentrum für Erzählforschung, Bergischen Universität Wuppertal) /
Promotionskolleg „Geschichte und Erzählen“ (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg)

›Raum‹ und ›Zeit‹ bilden in Kants transzendentaler Ästhetik den irreduziblen Rahmen menschlicher Erfahrung. Der Raum ist dabei »eine notwendige Vorstellung, a priori, die allen äußeren Anschauungen zum Grunde liegt« (KANT 1781/1787). Dass es sich bei diesem Apriori aber nicht um eine transkulturelle und transhistorische Universalie handelt, dass der Raum vielmehr aus der Gemengelage historisch variabler Diskurse hervorgeht, zeigte u.a. aus kunstwissenschaftlicher Perspektive Panofsky. Er zeichnete die Transformation der Raumvorstellung vom »Aggregatraum« der Antike zum »Systemraum« der in der Renaissance einsetzenden Moderne nach (PANOFSKY 1927). Damit ist der Raum nicht ein universales, sondern ein ›historisches Apriori‹ (FOUCAULT 1969): Er ist Produkt sozialer und kultureller Praktiken und manifestiert sich folglich in verschiedenen (ästhetischen) Diskursen in immer neuen Figurationen.

Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive gab es eine Vielzahl von Versuchen, diese Figurationen in ihrer Historizität theoretisch zu denken: Bachtin hat bereits Ende der 1930er Jahre – im Einflussbereich der Einsteinschen Relativitätstheorie – auf den »grundlegenden wechselseitigen Zusammenhang« der Zeit-und-Raum-Beziehungen hingewiesen und sie unter dem Begriff des ›Chronotopos‹ zu fassen gesucht (BACHTIN 1937/1938). Foucault hat die »Gegenorte« einer Kultur als »tatsächlich verwirklichte Utopien« mit Spiegelungsfunktion unter dem Konzept der »Heterotopie« subsumiert (FOUCAULT 1967). Das Museum sowie die Bibliothek stellen für Foucault räumliche Eigentümlichkeiten der westlichen Kultur des 19. Jahrhunderts dar. Und so wie diese Signa des 19. Jahrhunderts sind, werden für Augé die »non lieu« Indikatoren der »supermodernity«: shopping malls, Bahnhöfe und Flughäfen sind Manifestationen geschichts- und  identitätsloser Orte, an denen der Mensch seine Einsamkeit schmerzlich erfährt (AUGÉ 1992). Gerade in den letzten Jahren wurde die Theorielandschaft der verschiedenen Disziplinen – Physik, Phänomenologie, Soziologie und Ästhetik u.a. – immer wieder kartographiert (JÖRG DÜNNE/STEPHAN GÜNZEL 2006; GÜNZEL 2010).

Obgleich sich in der frühen Erzählforschung bereits systematisierende Überlegungen zum Raum finden (z.B. KÄTE FRIEDEMANN 1910; ROBERT PETSCH 1934), Jurij Lotman im Kontext der Tartu-Moskauer Schule ein semiotisches Modell der Raumsemantik mit universalem Anspruch (LOTMAN 1970) formulierte, das immer wieder adaptiert und transformiert wurde (z.B. ANDREAS MAHLER 1998, KRAH 1999, KARL N. RENNER 2004), klammerte die vom französischen Strukturalismus geprägte Narratologie den Raum als ein konstitutives Element der Diegese größtenteils aus. Die Konjunktur des Raumes, die man ab dem Ende der 1980er Jahre mit dem Schlagwort spatial turn versah, blieb auch für die Erzählforschung nicht folgenlos. Gerade in der jüngsten Vergangenheit wurden aus narratologischer Perspektive Versuche vorgelegt (RYAN 2009; DENNERLEIN 2009), den Raum systematisch in den Blick zu nehmen und eine ›Narratologie des Raumes‹ in das gängige Analyseraster zu implementieren. Barbara Piatti hat durch ihre Studie zur Literaturgeographie die Wechselbeziehungen zwischen realem Raum und seinen fiktionalen Entwürfen vermessen (PIATTI 2008).

Das Ziel des Workshops ›Raum. Theorie und Figuration‹ ist es, die drei skizzierten Themenbereiche in den Blick zu nehmen und damit 1) nach historisch und kulturell variablen Figurationen von Räumen, 2) nach den Möglichkeiten und Grenzen der Raumtheorien sowie 3) nach den besonderen Anforderungen an eine Narratologie des Raumes zu fragen. Damit rücken sowohl theoretische Frage wie auch exemplarische Analysen in den Fokus. Als Beiträge sind 30-minütige Einzel-/Co-Präsentationen und Vorschläge zu Diskussionsrunden, die durch ein Impulsreferat eröffnet und moderiert werden sollen, gewünscht. Für jedes Thema steht insgesamt eine Stunde zur Verfügung; als Diskussionsgrundlage dient die Präsentation sowie eine Handreichung, die vor dem Workshop an die Teilnehmer verschickt wird.

Vorschläge für Beiträge und Diskussionsrunden sind als Abstracts (1000 Zeichen) bis zum 25. Oktober an Stephan Brössel (s.broessel{at}uni-wuppertal.de) und Lukas Werner (lukaswerner{at}cantab.net) zu richten.

Call for Papers für den Workshop "Raum. Theorie und Figuration" (Freiburg 21./22.01.2011)