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Call For Papers

Zeit(en) erzählen. Narrative Verfahren – komplexe Konfigurationen
2. Wuppertaler Graduiertenforum Narratologie

7. bis 9. Juli 2011, Bergische Universität Wuppertal

Dass Zeit und Erzählung verquickt sind, gehört von G.E. Lessing bis Paul Ricoeur, von Viktor Šklovskij bis David Herman zu den immer wieder beschworenen Topoi der Erzähltheorie. Zeit ist das Charakteristische des Erzählens, denn erst Ereignisse in zeitlicher Perspektive lassen die Erzählung zur Erzählung werden. Jede Erzählung – ob auto/biographisch, literarisch oder historiographisch, ob Text, Film oder Comic – entfaltet sich in der Zeit und stellt selbst Zeit dar. Folgt man Eberhard Lämmert, besteht der Clou einer kunstvoll gestalteten Erzählweise gerade darin, „daß die monotone Sukzession der erzählten Zeit beim Erzählen auf verschiedene Weise verzerrt, unterbrochen, umgestellt oder gar aufgehoben wird“. Diese Perspektive auf Zeitphänomene, die auf der Annahme einer grundlegenden „monotonen Sukzession“ basiert und sich im Oppositionspaar ‚Erzählzeit‘ vs. ‚erzählte Zeit‘ (G. Müller) sowie in Gérard Genettes Fragen nach ‚Ordnung‘, ‚Dauer‘ und ‚Frequenz‘ in die analytische Praxis eingeschrieben hat, bestimmt bis heute die narratologische Auseinandersetzung mit Zeit. Doch dieses Konzept lässt verschiedene Fragen unberücksichtigt: Wie entsteht erzählte Zeit? Wird sie vom Leser präsupponiert, ist sie durch mentale Modelle vorgeprägt oder wird sie auf eine spezifische Weise narrativ generiert? Und ferner: Was ist erzählte Zeit? Subjektives Bewusstsein oder jene homogene Dimension, in der Ereignisse stattfinden, oder integraler Bestandteil des ‚Chronotopos‘ (M. Bachtin)? Diese Fragen nach den narrativen Verfahren, die Zeit hervorbringen, und nach den Zeit-Konfigurationen, die Ergebnis dieser Verfahren sind, wurden bislang aus erzähltheoretischer Perspektive nur unzureichend beantwortet. Besonders wenn man über das klassische Korpus der Narratologie, nämlich Romane des 19. und 20. Jahrhunderts, hinausblickt und vormoderne Formen des Erzählens oder Erzählungen in anderen Medien betrachtet, wird darüber hinaus das Konzept einer universalen, monoton und sukzessiv vergehenden Zeit zunehmend suspekt: Aus der Zeit werden Zeiten.

Versucht man zu beantworten, was es bedeutet, Zeit(en) zu erzählen, rücken also zwei Aspekte in den Fokus: erstens die ‚narrativen Verfahren‘, die Zeit darstellen (Wie entsteht Zeit?); zweitens die spezifischen ‚Konfigurationen‘ von Zeit, die diese Verfahren erzeugen (Was ist Zeit?). Im Anschluss an diese Fragen werden jene Zeit-Konfigurationen in besonderem Maße interessant, die sich nicht durch „monotone Sukzession“, sondern durch Komplexität und Heterogenität auszeichnen: Die Aufmerksamkeit gilt dann den Brüchen in der Zeit(darstellung), ihrer subjektiven Wahrnehmung vor dem Hintergrund einer objektiven „Weltzeit“  (Schütz/Luckmann), den „Heterotopien“ mit ihren „Heterochronien“ (Foucault) und den verschiedenen „Chronotopoi“ (Bachtin). Geht man diesen Fragen nach, ist eine komparatistische Perspektive genauso möglich wie eine historische, mediale oder diskursive. Die Auseinandersetzung mit diesen Problemkomplexen liefert damit einerseits Impulse für eine Narratologie der Zeit und andererseits auch für all jene Forschungsrichtungen, die an historischen, medialen und diskursiven Kontexten und Funktionen des Erzählens interessiert sind.

Die Tagung richtet sich an Promovierende der Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften
wie auch der Philosophie, Geschichte und Soziologie. Folgende Aspekte können dabei im
Zentrum stehen:

  • narrative Verfahren der Zeiterzeugung in Literatur, Film, Comics und Kunst
  • verschiedene Zeit-Konfigurationen: ‚Weltzeit‘, ‚soziale Zeit‘ und ‚subjektive Zeit‘ (Schütz/Luckmann); lineare und zyklische Zeit; ‚mythische Zeit‘ (Cassirer), etc.
  • Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; ‚Erfahrungsraum‘ und ‚Erwartungshorizont‘ (Koselleck)
  • Brüche in Zeit-Konfigurationen
  • Aspekte des Raum-Zeit-Verhältnisses: ‚Chronotopos‘ (Bachtin), ‚Heterochronie‘ (Foucault)
  • ästhetische Präsenzeffekte (Bohrer, Gumbrecht)
  • mediale, diskursive und historische Differenzen in Zeit-Konfigurationen
  • Zeit als analytische Kategorie der Erzählforschung

Für den Eröffnungsvortrag konnte Uta Störmer-Caysa (Johannes Gutenberg Universität Mainz) gewonnen werden. Vorgesehen sind 30-minütige Beiträge, an die sich eine 15- minütige Diskussion anschließt. Willkommen sind sowohl deutsch- als auch englischsprachige Beiträge. Eine Übernahme der Reise- und Hotelkosten ist bis zu einer Höhe von 200 € möglich, wenn nachgewiesen werden kann, dass keine anderen Förderungsmöglichkeiten bestehen. Abstracts (ca. 500 Wörter) erbitten wir bis 31. März 2011 per E-Mail an folgende Adressen:

Antonius Weixler (weixler{at}uni-wuppertal.de)
Lukas Werner (l.werner{at}uni-wuppertal.de)

Bergische Universität Wuppertal
Zentrum für Erzählforschung
Fachbereich A: Geistes- und Kulturwissenschaften
Neuere deutsche Literaturgeschichte
Gaußstraße 20
D - 42119 Wuppertal
www.zef.uni-wuppertal.de
www.zgs.uni-wuppertal.de