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Tagung der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung

Datum: 18.-21. September 2019

Ort: Wien, Österreich

von Philipp Nolz

Unter einem bewusst zeitgenössischen Titel firmierte in diesem Jahr die Tagung der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung (DGPF), die heuer an der Universität Wien in Österreich stattgefunden hat. Bei dieser stand die philosophische Befragung von solchen Begriffen, die in der heutigen gesellschaftlichen Debatte zunehmend unter Verdacht gestellt werden, im Zentrum. So wurde die bereits von der Gründerfigur der Phänomenologie Edmund Husserl gemachte Unterscheidung zwischen Faktum, also dem Gemachten und dem Bewusstsein Gegebenen und der Faktizität, die Art und Weise wie Fakten sich geben, auf deren Relevanz für die heutige Zeit geprüft. Eine solche thematische Ausrichtung gilt nicht zuletzt den Schwierigkeiten, welche die gängigen Thesen vom "post truth"-Zeitalter oder den, seit der Angelobung des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump zum geflügelten Wort avancierten "alternativen Fakten" mit sich bringen. DGPF-Präsident Prof. Dr. Georg Stenger wies in seiner Eröffnungsrede nicht nur auf die zahlreichen Verstrickungen von Philosophie, wissenschaftlichem Diskurs und gesellschaftlicher Debatte hin, sondern stelle auch heraus, dass gerade die Verantwortung oder mehr noch, das verantwortliche Nachfragen solcher aktueller Tendenzen zur Grundaufgabe, auch oder gerade der Philosophie, gehören.

Wenn daher von Wirklichkeit als dritter Begriff die Rede war, dann darum, weil die Wirklichkeit sich unter anderem aus Fakten erzeugt - doch nicht nur. Viele Begriffe, die ebenfalls für die Tagung zentral wurden und waren, sind in den zahlreichen Workshops miteingeschlossen worden und so kamen auch die traditionellen Problemfelder abseits der sozialen Unmittelbarkeit nicht zu kurz. Die Vielfalt an Themen spiegelte sich im Nebeneinander unterschiedlichster Fragestellungen wider, beispielsweise jene der Bildlichkeit und ihrer Rolle zur Wirklichkeitskonstitution, der Problematisierung vom Gegensatz zwischen faktischer Richtigkeit und "bloßem" Meinen, der phänomenologischen Erschließung digitaler Welten, dem Verhältnis von Gewalt und Erkenntnis oder der Frage nach der kulturellen Divergenz bei der Beschreibung dessen, was ist. Auf diesen Pluralismus der Themen zielten auch einige der Plenarvorträge ab, die etwa von der Liebe aus phänomenologischer Perspektive handelten, oder - wie im Vortrag Sophie Loidolts - den Versuch unternahmen, Randfiguren der Geschichte der Phänomenologie wie Hannah Arendt für die Debatte und die Herausforderungen der Gegenwart fruchtbar zu machen.

Doch nicht nur Randfiguren, sondern auch Gegenentwürfe zur derzeitigen Phänomenologie wurden als GesprächspartnerInnen in die Tagung aufgenommen. Allem voran die verschiedenen VertreterInnen dessen, was heute als "Neuer Realismus" international diskutiert wird (u.a. Jocelyn Benoist und Markus Gabriel), bekamen Raum, um ihre Thesen in anregendem Umfeld zu präsentieren.

In diesem vielfältigen Spannungsfeld lässt sich auch der Workshop einordnen, an dem ich die Gelegenheit hatte, teilzunehmen. Betitelt "Alterität im Exil" wurden dabei am Freitag die unterschiedlichen Fragen nach dem Status des Exils im Denken und gesellschaftlichen Sein sowie die damit korrespondierenden Erfahrungen verhandelt. Was geschieht mit der Welt,wenn sie für die jeweilige Person alles Vertraute verloren hat? Wie lassen sich solche Erfahrungen, die nicht nur Grenzerfahrungen, sondern Erfahrungen jenseits der Grenze sind, überhaupt erschließen? Wie lässt sich die Erfahrung von radikaler Verlassenheit und Isolation in Sprache fassen, verallgemeinern, ohne dabei das Singuläre der Situation zu verlieren?

Diesen Fragen folgend versuchte ich eine durch mein Promotionsprojekt angeregte Untersuchung des Status kollektiver Erfahrung der Fremdheit. Wie auch in meiner Dissertation gilt dabei der Philosoph Walter Benjamin als Angelpunkt bei der Interrogationjener Felder des Gesellschaftlichen, in denen gemeinsame Erfahrung ihren Ausdruck finden. Konkret betraf dies in meiner Präsentation das Werk Franz Kafkas. Durch eine genaue Lektüre und philosophische Auslegung hatte ich versucht zu zeigen, wie durch Kafkasliterarisches Oeuvre hindurch auf gesellschaftliche d.h. lebensweltliche Verhältnisse ein neues Licht geworfen werden kann. Im Umkehrschluss ist die Fremdheit in Kafkas literarischen Welten gerade auch eine solche, die uns die Welt, wie sie heute besteht, fremd werden lässt und damit die Normalität "ent-selbstverständlicht".

So wurde auch mir die Möglichkeit gegeben, einen Philosophen, der nur sehr wenig mit der Phänomenologie zu tun hat, umso mehr aber das Politische zum Problem der Philosophie gemacht hat, im Rahmen eines 30-minütigen Tagungsvortrags zu präsentieren sowie abseits der Vorträge mit ForscherInnen aus unterschiedlichsten Fachbereichen ausführlich zu diskutieren. Bei deutlich über 100 Vortragenden aus (für mich) unzähligen Ländern kam gerade letzteres nicht zu kurz. Die Tagung kann daher durchaus als ein Indikator für die verschiedenen Strömungen in der Phänomenologie gesehen werden. So betrachtet scheint vor allem die Diversifizierung und Erweiterung dieser philosophischen Schule(n) der gemeinsame Nenner für die laufende und kommende Forschung zu sein, die sich angesichts gegenwärtiger Probleme jedoch nicht in zusammenhangslose Teile auflöst, sondern im Gegenteil dem Anspruch verpflichtet bleibt, im Durchgang durchs Konkrete immer auch das Universelle - was ja auch das Verbindende genannt werden kann - mitzudenken.

Die Eindrücke, die ich bei der Tagung sammeln konnte, sind für mich unschätzbar und ich danke dem ZGS herzlich für die Unterstützung an der Teilnahme.