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26. Germanistentag

Datum: 22. - 25.09.2019

Ort: Saarbrücken

von Nadine Jäger

Der 26. Germanistentag 2019 fand unter dem Thema „Zeit“ vom 22. bis 25. September 2019 an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken statt. In den rund 120 verschiedenen Panels kamen diverse Perspektiven auf das Tagungsthema zur Geltung, das in die vier Themenbereiche „Theorien und Konzepte von Zeit“, „Repräsentationen von Zeit“, „Zeit als historische Kategorie“ und „Zeit als Thema und Motiv“ unterteilt wurde. Es fanden etwa 20 Panels mit jeweils etwa drei bis vier Vorträgen parallel statt. Der Bericht einer einzelnen Verfasserin kann daher nur aus einem begrenzten Spektrum an eigens erlebten Eindrücken schöpfen.

Einen der insgesamt vier einleitenden Keynote-Vorträge hielt Sonja Glauch (Erlangen): Sie stellte heraus, dass ein Erzählen ohne Zeit im Grunde nicht möglich ist, die Zuschreibung der Atemporalität, aber auch der Gleichzeitigkeit zumeist also kritisch zu hinterfragen ist. Anhand verschiedener mittelalterlicher Texte zeigte sie die komplexen Nuancen der Temporalität auf und plädierte zugleich dafür, dieser Komplexität auch begrifflich gerecht zu werden.

Im Panel „Vor Augen gestellt. Wahrnehmbarkeit und Darstellbarkeit von Zeit“ (Leitung: Franziska Wenzel, Frankfurt) sprach zunächst Franziska Wenzel über Frauenlobs Marienleich, für den sie eine Verdichtung von Zeit und Raum herausstellte, die zur Öffnung eines visuellen Schauraums und zur Verblendung von Dies- und Jenseits führen. Claudia Lauer (Mainz) widmete sich im Anschluss daran Frauenlobs religiös-geistlichen Sangspruchstrophen: Deren zirkuläre Zeitlichkeit führte sie auf einen Prozess des Vor-Augen-Stellens zurück. Heike Schlie (Salzburg) stellte im Anschluss daran das Trachtenbuch des Matthäus Schwarz vor und zeigte auf, wie darin festgehaltene modische und körperliche Transformationen als Kristallisationspunkte der zeitlichen Veränderung fungieren.

Unter dem Thema „Asynchronien in der Literatur des Mittelalters“ (Leitung: Jutta Eming, Berlin, Johannes Traulsen, Berlin) beleuchtete Jutta Eming die Emotionalität und Temporalität in Gottfrieds „Tristan“, indem  sie das „senen“ der Liebenden als zeitliche Qualität der Liebe aufzeigte. Einen anderen Aspekt der Asynchronie wählte Nina Nowakowski (Magdeburg): Sie stellte vor, welche Zeitlichkeitsaspekte personaler Heiligkeit an Johannes dem Täufer in der deutschsprachigen Bibelepik zutage treten. Antonia Murath (Berlin) stellte sowohl „Mai und Beaflor“ als auch „Emaré“ ins Zentrum ihrer Überlegungen und ging auf das asynchrone Nebeneinander verschiedener Dingobjekte in diesen Texten ein.

Björn Klaus Buschbeck (Stanford) eröffnete das Panel „Die Verortung der Zeit. Erzählen von Zeit(en) in der Heldenepik und in der sogenannten Spielmannsepik“ (Leitung: Susanne Knaeble, Bayreuth, Kathryn Starkey, Stanford) mit einem Vortrag zur Chronologie und Zeitenthobenheit in der aventiurehaften Dietrichepik. Der Doppelvortrag von Nadine Lordick und Manuel Hoder (Braunschweig) zeigte unter dem Titel „Hinter dem Schema. Zeitästhetiken in der sogenannten Spielmannsepik“ zum einen auf, wie sich verschiedene Zeitebenen im „Orendel“ überlagern, und zum anderen, wie die Zeitdimensionen des Reichs- und des Orientteils des „Herzog Ernst B“ miteinander interagieren. Nadine Hufnagel (Bayreuth) zeigte auf, welche Akzentuierungen von Historisierung und Aktualisierung der Nibelungenlied-Überlieferung des 15. Jahrhunderts eignen, und sprach das Desiderat aus, in diesem Zusammenhang anstelle des Werkcharakters die Varianz der Texte zu fokussieren.

Astrid Lembke sprach unter dem Oberthema „Zeit und Umfang. Poetiken der Skalierung im mittelalterlichen Erzählen“ (Leitung: Astrid Lembke, Berlin) zum „Reinfried von Braunschweig“, indem sie dessen Zweiteiligkeit gemäß zwei verschiedene Erzählmodi postulierte, die auf die beiden Wissensbereiche Liebe bzw. Naturkunde abgestimmt sind. Laura Velte (Heidelberg) nahm für den „Prosalancelot“ eine Lesart vor, die das Verhältnis zwischen Retardierung und Finalisierung hervorhebt, während Sarina Tschachtli (Heidelberg)  den „Apollonius von Tyrlant“ von den Frauenfiguren her las und eine dementsprechende Sequenzstruktur andachte. Dem Thema des episodischen Erzählens nahm sich Lena Zudrell (Wien) an, die für Pleiers „Garel“ einen „sekundären Erzähler“ vorschlug, der den Text anhand von situativ gestalteten Binnenerzählungen um Strukturachsen anreichert.

Das Panel „ZeitRahmenÜberschreitungen im vormodernen Erzählen“ (Leitung: Amelie Bendheim, Luxemburg, Martin Sebastian Hammer, Wuppertal) eröffnete der Vortrag Katharina Philipowskis (Potsdam) zur Funktion des punktuellen Präsensgebrauchs im „Wilhalm von Wenden“ Ulrichs von Etzenbach. Anhand grenzüberschreitender Temporalität arbeitete sie verschiedene Typen der Zeitgenossenschaft narrativer Instanzen heraus. Eine weitere Perspektive brachte Sebastian Holtzhauer (Osnabrück) ein: Er stellte für das lateinische Original und die frühneuhochdeutsche Übertragung der „Navigatio Sancti Brendani“ Überlegungen zu zeitlosen Räumen und deren chronotopischen Qualitäten an. Es schloss sich der Vortrag der Verfasserin Nadine Jäger (Wuppertal) an: Ich schlug vor, für die Spielmannsepik in Analogie zu den sogenannten Trinkheischen von Ratsheischen zu sprechen, und arbeitete heraus, wie diese beiden Arten der Performanzgesten den textinternen Kommunikationsrahmen markieren: Zum einen wird anhand spezifischer Personalpronomina eine Erzählgemeinschaft der narrativen Instanzen etabliert, zum anderen wird durch die Kausalitätsbeziehung von Extra- und Intradiegese eine Synchronizität beider Ebenen hergestellt. Indem ich außerdem aufzeigte, dass beide Performanzgesten in jüngeren Textzeugen überliefert sind, stellte ich die These in den Raum, in ihnen manifestiere sich das Bild des Spielmännischen dieser Zeit. Den Abschluss des Panels markierte der Vortrag von Martin Sebastian Hammer (Wuppertal), der ein Modell zu Effekten der Simultanisierung von Narration und Geschichte in „Erec“ und „Parzival“ zur Diskussion stellte: Ausgehend von Gérard Genettes Begriff der Metalepse arbeitete er an reichem Material verschiedene Varianten der skizzierten Simultanitätsrelation heraus und schlug vor, diese als „Akzentuierungen“ im Sinne der Dissertation Bernd Häsners zu systematisieren.

Das facettenreiche und anschlussoffene Thema „Zeit“ eröffnete ein vielfältiges Kaleidoskop an Einzelbeiträgen, die kaum in einem Fazit zu bündeln sind. Mir sei daher abschließend ein eher individuell perspektivierter Schluss gestattet: Die Erfahrung eines Vortrags vor einem Teilfächer übergreifenden germanistischen Publikum hat sich definitiv gelohnt; darüber hinaus konnte ich aus der Diskussion mit FachkollegInnen neue Anreize für meine eigene Forschung gewinnen. Dem ZGS danke ich daher herzlich für die großzügige Unterstützung meiner Konferenzreise.