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Rural History Conference

Datum: 11. – 14. September 2017

Ort: Leuven, Belgien

Vortrag: Landwirtschaftliches Wissen in der BRD ab den 1960er Jahren (im Rahmen des Panels „A science of what and for whom? Historical understandings and perspectives of agricultural science“)

von Elena Kunadt 

Die European Rural History Organisation (EURHO) veranstaltet alle zwei Jahre die Rural History Conference, um aktuelle Forschungsthemen der Geschichte des ländlichen Raumes zu diskutieren. Dieses Jahr fand die Konferenz vom 11. bis zum 14. September an der Katholischen Universität Löwen (KU Leuven, Belgien) statt, die ihre Räumlichkeiten für die über 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus mehr als 30 Ländern bereitstellte. Die EURHO hob positiv hervor, dass eine außergewöhnlich hohe Anzahl an „Young Scholars“ an dieser Konferenz teilgenommen hat. Dadurch flossen neue und spannende Betrachtungsweisen in die Forschungsdiskussionen ein, die sich ebenso in den Präsentationen widerspiegelten. Ein weiterer Schluss, der sich aus dem erhöhten Anteil der Nachwuchsforscherinnen und -forscher ziehen lassen kann, ist, dass das Interesse an historischen Fragen zur Lebensmittelproduktion und Landwirtschaft zunimmt. Das mag unter anderem auch darauf zurückzuführen sein, dass die Folgen der westlichen Lebensmittelindustrie immer drastischer sichtbar werden. Aktuelle Forschungsansätze der Agrargeschichte unternehmen den Versuch, die Probleme der Lebensmittelproduktion historisch zu kontextualisieren.

An vier Tagen wurden mehr als 170 Vorträge angeboten, was nur möglich war, indem bis zu elf Sektionen parallel stattfanden. So konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein eigenes individuelles Programm zusammenstellen und aus verschiedensten Forschungsbereichen und Zeiträumen wählen. Die Vorträge thematisierten Umwelt- und Gesellschaftsveränderungen durch Landwirtschaft, Hybridsaatgut und Lebensmittelversorgung in Krisen ebenso wie Agrarpolitik oder Kulturangebote auf dem Land.

Mein Vortrag fand im Rahmen eines von mir mitorganisierten Panels statt, in dem wir uns mit der Entwicklung von landwirtschaftlichem Wissen bzw. der Geschichte der Agrarwissenschaften befassten. Unter dem Titel: “A science of what and for whom? Historical understandings and perspectives of agricultural science“ analysierten wir unterschiedliche Produktionsstätten und Transferprozesse des landwirtschaftlichen Wissens, beginnend in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis in die 1990er Jahre. Die Zuhörenden waren besonders interessiert an den Akteuren, die agrarisches Wissen produzierten und an der Frage, ob außerhalb des Feldes entstandenes Wissen überhaupt bis zu den Landwirtinnen und Landwirten vordrang. Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde landwirtschaftliches Wissen auch außerhalb des Feldes produziert: wie z. B. in der Agrikulturchemie, deren konzeptionelle Anfänge in den Hörsälen und Laboratorien verschiedener Chemiker zu verorten sind (Christopher Halm, Regensburg, D). Justus Hillebrand (Orono, ME, USA) analysierte die unterschiedlichen Entstehungs- und Wirknetzwerke des agrarwissenschaftlichen Wissens und des Praxiswissens im US-amerikanischen West-Maine und dem Hochsauerland im 19. Jahrhundert und Juri Auderset (Bern, CH) präsentierte die Schwierigkeiten, industrielle Logiken auf die landwirtschaftliche Praxis in der Schweiz des 19. Jahrhunderts zu übertragen. Mein Vortrag befasste sich mit dem landwirtschaftlichen Wissen in der Bundesrepublik Deutschland ab den 1960er Jahren. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte die landwirtschaftliche Praxis einen Höhepunkt der Industrialisierung erreicht: große Bereiche waren rationalisiert, maschinisiert und chemisiert. Dies bedeutete auch, dass sich die Produktionsstätten des landwirtschaftlichen Wissens deutlich ausweiteten und verschoben. Anhand des Fallbeispiels des sog. „Maisherbizids“ Atrazin (Giba-Geigy) ließ sich zeigen, dass das Wissen um Agrochemikalien in der Bundesrepublik fast ausschließlich außerhalb der agrarischen Praxis produziert wurde. Die westdeutschen Landwirtinnen und Landwirte waren somit auf die Beratungsangebote der Industrie, der landwirtschaftlichen Genossenschaften und der Bundesforschungsinstitutionen angewiesen, um ihren Mais mit Atrazin anzubauen. Zwar gab es auch vereinzelte Fälle, in denen Erfahrungswissen aus der Praxis in die wissenschaftlichen Einrichtungen floss, das Gros des Wissensbestandes von Atrazin wurde aber im Industrielabor gewonnen.
Der Tagungsbesuch war auf verschiedenen Ebenen sehr gewinnbringend. Ich konnte einen umfassenden Einblick in die aktuellen Themen der europäischen Agrargeschichte gewinnen, die sich erfreulicherweise auch mit nicht europäischen Ländern wie Costa Rica, Kuba, Hawaii oder asiatischen Regionen Russlands befassten. Zusätzlich bot die Rural History Conference die wertvolle Gelegenheit, Kontakte zu Historikerinnen und Historikern aufzubauen, die sich mit ähnlichen Forschungsthemen und -ansätzen beschäftigen. Dadurch konnte ich weitere Impulse für mein Dissertationsprojekt gewinnen.

Ich danke dem Zentrum für Graduiertenstudien für ihre finanzielle Unterstützung, durch die diese Vortragsreise ermöglicht wurde.